Bayreuth, das heißt für uns: Besuch der Wagner-Festspiele und der historischen Stätten von Wagner und Liszt.
Der Enkel des großen Komponisten Richard Wagner, Wolfgang Wagner, gestützt auf seine Tochter Katharina, bereitet seinen Abgang vor. Noch ein letztes Mal ist er in der Verantwortung für die Bayreuther Wagner-Festspiele im Jahre 2008, die starke Hand seiner verstorbenen Gattin Gudrun fehlt ihm jetzt. Katharina hat ihre erste Regieprobe mit den Meistersingern vorgestellt, sie lässt die Aufführung auf einen Großbildschirm in der Stadt übertragen, um ihre Regie-Arbeit und sich selbst zeitgemäß darzustellen.
Wir haben großes Glück gehabt und Karten für den "Siegfried" bekommen, Teil drei des vierteiligen Ringzyklus. Zu meiner Vorbereitung (als Wagner-Laie) auf den Komponisten, seine Beziehung zu Franz Liszt und dessen Tochter Cosima, seinen mythologischen Hintergrund, sein Schaffen und seine Familie besuchen wir Wagners Haus Wahnfried und das benachbarte Liszt-Museum.

Das Wagner-Domizil Haus Wahnfried, gestiftet von Bayerns König Ludwig II.
In der Bibliothek bestaunen wir die umfangreichen zeitgenössischen Monographien, die Richard Wagner gesammelt - und wohl auch gelesen - hat: philosophische Werke, angefangen von Platon, über umfassende mythologische Werke und geschichtliche Bücher, alle in Einbänden nach Wagners Wunsch. Dazu hören wir die Wagnersche Musik in hochwertiger Wiedergabe über Konzertlautsprecher.
Die gesammelten Zitate großer Vertreter der Geistesgeschichte über Richard Wagner und sein Werk (Nietzsche,...) stehen im krassen Gegensatz zu manchen seit dem letzen Weltkrieg zu findenden Abwertungen (z.B. Louis de Bernières in seinem Roman Captain Corelli's Mandolin, 1993), so dass ich mir aus der Ausstellung folgendes notiert habe:
Friedrich Nietzsche: "Die Welt kennt gar nicht die menschliche Größe und Singularität seiner Natur... Was nützt es, in manchen Dingen gegen ihn Recht zu haben!"
Thomas Mann: "... es ist ein wundervolles, erstaunliches, ewig faszinierendes Schöpferleben ... Welch vitaler Zauber muss ausgegangen sein von dem Menschen, dessen persönlichen Umgang Nietzsche nicht aufhörte, das eine große Glückserlebnis seiner Tage zu nennen."
Gerhart Hauptmann: "Ich sehe Wagners Kunst als künstlerisches Urphänomen, stammend aus einer Zeit vor aller Kunst, auch Musik. Ich bin weit davon entfernt, mich an Richard Wagner deutschtümelnd zu entzücken, denn er ist ebenso griechisch als deutsch, ebenso asiatisch als europäisch. Ein Werk wie der Ring ist, was Ursprung, Wachstum und Vollendung anlangt, das einzige seiner Art in der Welt und vielleicht das mächtigste Kunstgebilde der letzten Jahrtausende."
Joachim Kaiser: "Wagners Ring gehört zu den wenigen vollkommen seriösen, gewichtigen, gedankentiefen und immer wieder neu 'aktuellen' Werken, die das Operntheater zu bieten hat. Des Publikums Anteilnahme gilt also weder einem modischen noch einem platten, noch gar einem bequemen, harmlos kulinarischen Stück. Sondern einem Kosmos, der sehr wohl mit den großen attischen Tragödien oder mit Goethes 'Faust' in einem Atem genannt werden kann."
Die Erinnerung an einen Verwandten Katharinas finden wir im ersten Stock: Helge Brillioth, der als Siegmund und Tristan bei den Wagner-Festspielen in der Zeit von 1969 bis 1975 mitgewirkt hat.

Helge Brillioth
Im ersten Stock befindet sich auch das Balkonzimmer, das von Wagners Frau Cosima bewohnt wurde und dessen Balkon auf den Park hinaus geht, wo auch die Gruft des Ehepaares zu finden ist.

Rückseite des Hauses Wahnfried mit Balkonzimmer Cosimas im ersten Stock,
Von dort schaut man auf den das Haus umgebenden Park

Wir zwei Besucher auf dem Balkon.
Weiter im Hintergrund besuchen wir die Gruft Richard Wagners und seiner Ehefrau Cosima.

Die Grabstätte des Ehepaars Wagner
Noch ein Blick auf den seitlichen Anbau an das Haus Wahnfried, der dem Besuch eines Freundes von Wagners Schwiegertochter Winifred (Williams), der von ihr "Wolf" genannt wurde, offen stand.

Seitentrakt zu Haus Wahnfried
In der Seitenstraße neben dem Park suchen wir das Liszt-Museum auf, das bescheiden erscheint im Vergleich mit der Villa Wahnfried.
Franz Liszt
Franz Liszt, dessen Tochter Cosima, vermählte von Bülow, Wagner heiratete, war nach ersten Jahren der Gegnerschaft ein großer Unterstützer Wagners, nachdem er die Größe und Bedeutung der Werke Wagners erkannt hatte.

Für Liszt-Freunde ein anrührendes privates Ausstellungsstück: seine Sandalen
Dem großen Klaviervirtuosen, Dirigenten und Komponisten Liszt hat Kaiser Franz-Joseph I. in den Adelstitel verliehen, die Stadt Bayreuth baute ihm ein Mausoleum auf dem Stadtfriedhof, wo auch einige Nachkommen Wagners ihre letzte Ruhestätte fanden.
Und heute legt eine Liszt-Verehrerin eine Baccara-Rose auf sein Grab.

Nicht weit entfernt vom Liszt Mausoleum: die Grabstätte der Wagner-Nachkommen.
Am Abend vor dem Festspielbesuch zog es uns ins Markgräfliche Opernhaus zu einem Liederabend. Die barocke Ausstattung dieser alten Oper ist durchaus sehenswert.

Die Markgräfliche Oper in Bayreuth
Am nächsten Morgen, am Tag der "Siegfried"-Festspielaufführung, lassen wir uns von dem Wagner-Kenner und Klaviervirtuosen Stefan Mickisch in die Wagnersche Musik einführen, mit brillianten Beispielen am Flügel: für Neulinge als auch Experten eine sehr empfehlenswerte Matinee.

Und dann am Abend - nicht etwa in der goldenen Abendsonne, sondern begleitet durch einen Wolkenbruch - pilgert oder fährt die Wagnergemeinde zum Festspielhaus auf dem Grünen Hügel.
Aus dem Regen ins Festspielhaus

Und wir treffen Freunde aus Stockholm: Wilhelm und Olof
Zudem steht auch heute der Besuch der Festspiele auf dem privaten Terminkalender von Angela Merkel und ihrem Gatten, ganz ohne sichtbare offizielle Begleitung, und sorgt für lange Hälse bei einigen entfernt sitzenden Zuschauern.
Den "Siegfried" zu kommentieren, steht mir nicht zu. Jedoch lässt die Realisierung des gewaltigen Werks in dem von Wagner selbst konzipierten Festspielgebäude mit seinen hervorragenden Sicht- und Hörverhältnissen und (ohne Computersimulation) ausgelegten akustischen Eigenschaften bleibende Bewunderung bei Fachleuten und Laien, nicht zuletzt auch durch die beeindruckende künstlerische Darbietung des Werks.
Und wo verbringt man den Rest des Abends? Rustikal bei "Oskar" oder im Hotelrestaurant der Lohmühle? Beides hat seine Reize.


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